Interne Führungskräfteentwicklung | SEI - Swiss Engineering Institute
July 13, 2018
Von SEI Redaktion

Leadership

Interne Führungskräfteentwicklung

Eine alte Methode: „Erkenne dich selbst“. Diese Weisheit ist in Delphi am Tempel des Apollo zu lesen. Auch der griechische Philosoph Heraklit formulierte vor über 2000 Jahren als Konzept: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“, was besonders für die Führungskräfteentwicklung gilt, wenn es um junge Talente geht. Tiefe Fragen alter Philosophie werden dabei zum HR-Konzept, das Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil in der Gegenwart bringt.

Hühnerjagd statt Zaunreparatur

Doch den antiken Forderungen steht vieles im Weg, etwa der Satz: „Ich habe keine Zeit, den Zaun zu reparieren. Ich muss Hühner fangen.“ In dieser ironischen Zuspitzung spiegelt sich eine Erfahrung, die Führungskräfte oft machen: Das Tagesgeschäft braust mit Macht durchs Büro, dutzende Hühner sind zu jagen. Der löchrige Zaun wird aus dem Blick verloren. Er könnte sich ja durchs eigene Leben ziehen. Methoden aus der Antike zählen nicht mehr, Führungskräfteentwicklung scheitert am Tagesgeschäft.

Häufig ist es das einfachere Konzept, äussere Umstände oder angeblich unfähige Mitarbeiter verantwortlich zu machen, statt die dunklen Ecken der eigenen Seele aufzuräumen. Hühnerjagd statt Zaunreparatur! „Viele Führungskräfte rennen immer gegen dieselben Wände, sammeln schmerzhafte Selbsterfahrungen, aber zur Selbsterkenntnis reicht es nicht.“ So das Resümee von Prof. Thomas Fischer. Seit 2011 ist er Lehrbeauftragter für Führungspsychologie an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Glaubwürdige Autorität entwickeln

Wer intern an der Führungskräfteentwicklung arbeiten will, muss bei sich selbst beginnen, wie es am Tempel des Apollo geschrieben steht. Er sollte den dornigen Weg der Selbsterkenntnis einschlagen, um für junge Talente glaubwürdig Autorität auszustrahlen, gerade im Umgang mit der Y- und Z-Generation. Junge Talente stechen oft mit Nadeln in Luftballons voll heisser Luft. Das klassische Alpha-Tier hat schon verloren, wenn es sich auf formale Autorität verlässt, statt authentische Kompetenz zu entwickeln. Moderne Führungskräfteentwicklung muss neue Wege gehen!

Keine schmerzhaften Kollisionen

Laut Prof. Fischer gibt es eine gute Methode, um sich nicht immer an denselben Wänden den Kopf blutig zu schlagen: die Selbstreflexion. Sie lässt Menschen rechtzeitig abbiegen und erspart es ihnen langfristig, lediglich durch schmerzhafte Kollisionen aufzuwachen. Der Blick ist bei allen Mitarbeitern, den Führungskräften und besonders bei der Führungskräfteentwicklung nach innen zu richten. „Unterschiedliche Menschen reagieren auf vergleichbare Situationen sehr verschieden“, sagt Prof. Fischer, „aber dieselbe Person auf ähnliche Situationen immer wieder gleich.“ Wenn bestimmte „Persönlichkeitsfaktoren“ einer Führungskraft bewusst sind, kann sie sich leichter auf ihre Mitarbeiter einstellen, vorausgesetzt, sie weiss genau, welche Wesenszüge und Verhaltensweisen sie selbst ausmachen. Wer sich selbst kennt, kennt auch andere Menschen. 

Souveräne Chefs ohne Machtspiele

Unternehmen gewinnen einen grossen Wettbewerbsvorteil, sobald die Menschen durch die fruchtbare Schule der Selbsterkenntnis gehen. Wer sich ernstgenommen fühlt, zeigt als Mitarbeiter ein hohes Engagement. Wer durch eine selbstreflexive Führungskräfteentwicklung geht, wird ein souveräner Chef, der sich nicht durch simple Machtspiele über Wasser hält. Substanz statt heisser Luft! 

Die positive Konsequenz: Es entsteht Vertrauen im Unternehmen und junge Talente lernen frühzeitig, dass sich selbstbewusste Führungskräfte durch innere Haltung und Werte auszeichnen. So sieht der Kern moderner Führungskräfteentwicklung aus, die ihren Ausdruck in kohärentem Handeln und Verlässlichkeit findet. Sie macht aber genauso ein Nein möglich, wenn es aus echter Überzeugung angebracht ist. 

Knifflige Fragen von Aristoteles

Über diese Fragen dachte bereits Aristoteles nach, der Lehrer von Alexander dem Grossen. Der Feldherr hatte knifflige Fragen zu beantworten, die ihm Aristoteles vorlegte, und die sich heute wohl so anhören würden. Eine Auswahl: 1

  • Beharrlichkeit: „Bin ich bereit, den Zorn eines Kollegen auf mich zu ziehen, von meinen Leuten nicht mehr geliebt zu werden, meinem Chef einmal unumwunden zu widersprechen?“
  • Flexibilität: „Zu welchen Veränderungen würde ich nein sagen? Würde ich eine Umstrukturierung verweigern, wenn ich meinen besten Mitarbeiter opfern müsste?“
  • Gerechtigkeit: „Wann will ich parteiisch und wann will ich neutral sein? Was mache ich, wenn mir von oben verordnet wird, mich gegen meine Leute zu stellen oder treue Mitarbeiter zu verschonen, die sich ins Unrecht gesetzt haben?“

Solche Fragen lassen sich nicht auf der Jagd nach Hühnern klären, laden aber zur ehrlichen Selbstreflexion ein. Was Alexander der Grosse lernen sollte, ist heute ein Konzept der Führungskräfteentwicklung. Unternehmen können es für junge Talente nutzen, und dies jenseits kriegerischer Erfahrungen.

Gedankliche Freiräume öffnen

Der Wettbewerbsvorteil liegt auf der Hand: Durchsetzungsfähigkeit, Hartnäckigkeit und Entscheidungsfreude. Diese Begriffe verstauben nicht mehr in Stellenanzeigen, sondern werden zur gelebten Wirklichkeit für junge Talente, die eine interne Führungskräfteentwicklung durchlaufen. Dazu erfahren sie, wie sie sich im Alltag gedankliche Freiräume schaffen, um das eigene Handeln in Ruhe zu reflektieren. Die Hühner bleiben hinterm intakten Zaun und die Führungskräfte arbeiten intensiv an Fragen, die die Zukunft des Unternehmens essentiell bestimmen - souverän, empathisch und erfolgreich.

1 o. V. (2017): „10 Faktoren, die eine selbstbewusste Führungskraft auszeichnen“, Swiss Engineering Institute, Zürich, München, S. 5

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