Wie die Dominanz der Rationalität ein Ende findet - durch Intuition

Fliegen Adler und Condor bald gemeinsam?

Damals, in grauer Urzeit: Condor und Adler schliefen im gemeinsamen Nest in den Bergen, teilten sich ihre Beute und lebten wie Brüder zusammen. Das glaubten die indigenen Völker Amerikas. Doch eines Tages trennten sich die Wege der gewaltigen Vögel: Der Adler wurde über den Rocky Mountains zum Herrscher der Lüfte. Der Condor begann, majestätisch seine Kreise über den Anden zu ziehen.

So wie die Lebenswelt dieser Greifvögel in Nord- und Südamerika zerfiel, so begannen auch die Menschen gegensätzliche Wege einzuschlagen. Wer dem Adler folgte, setzte den rationalen Verstand an die erste Stelle; Wissenschaft und Technik schrieb er auf die Fahnen. Sein Pfad war gekennzeichnet durch: Intellektualität, industrielle Prozesse und männliches Denken. Wer sich aber dem Condor anschloss, schlug eine ganz andere Richtung ein. Sein Pfad führte ihn zu: Herzenskräften, Intuition und der weiblichen Seite des Denkens.

Ja, da taucht er auf, der Begriff der „Intuition“, oft in einer Polarität zur Rationalität gedacht. Die deutsche Sprache kennt sehr unterschiedliche Worte für dieses psychische Phänomen: innere Stimme, Bauchgefühl oder Geistesblitz. Dabei wendet sich die geistige Tätigkeit der eigenen Seele zu. Doch Intuition führt ebenfalls hinaus in die Welt, zu anderen Menschen - durch die Kunst der Empathie, der Fähigkeit, sich in einen MITmenschen einzufühlen.

Wie entsteht Intuition? Der Website ingenieur.de sagte die Psychologin Marcia Emmery aus Kalifornien: Intuition könne sich aus dem Unbewussten speisen, höheres Wissen darstellen oder sogar die „Stimme Gottes“ sein. Intuition würde ganz unterschiedliche Formen annehmen: Symbole, Gefühle oder klare Gedanken, aber auch innere Bilder oder Träume.

"Die Intuition ist immer richtig," sagt Emmery, "nur schleicht sich gerne das Ego von hinten an: Wünsche, Ängste, Sorgen oder Gedanken“, z. B. die zwanghaften Aussagen „das muss aber" oder "ich will jetzt aber".

Dazu die Psychologin und Unternehmensberaterin: "Dieses ‚ich will‘ und ‚ich muss noch tun’ sorgt für soviel Unruhe im Menschen, dass er erst einmal lernen muss, den Krach im Kopf leiser zu drehen.“

Den „Krach im Kopf“ abstellen - diese Überlegung katapultiert uns direkt ins antike Delphi, wo am Tempel des Apollo zu lesen ist: „Erkenne Dich selbst“. Auch der griechische Philosoph Heraklit stellte vor über 2.000 Jahren fest: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ Doch gerade diese Form der Selbsterkenntnis vermisst der Psychologe Prof. Dr. Thomas Fischer, wenn er an viele Führungskräfte denkt.

„Sie rennen immer gegen dieselben Wände, sammeln schmerzhafte Selbsterfahrungen, aber zur Selbsterkenntnis reicht es nicht“, so Fischer. Da ist es oft einfacher, die böse Umwelt oder angeblich unfähige Mitarbeiter verantwortlich zu machen – statt die dunklen Ecken der eigenen Seele aufzuräumen. Dort stapelt sich psychischer Müll und versperrt den Weg zur Intuition, die sich aber durch Introspektion erreichen lässt. Dafür gibt Fischer seinen Studierenden die Aufgabe, wochenlang Tagebuch zu führen, um die Auseinandersetzung mit sich selbst zu erproben. Das geschieht in seinem Psychologie-Kurs an der „Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz“.

Auch die Amerikanerin Emmery lässt ihre Kursteilnehmer ein Tagebuch schreiben. Sie machen sich so täglich eigene Gedanken, Gefühle und Ängste bewusst - mit dem Lernerfolg, eines Tages ihre Intuition von störenden Ego-Einflüssen unterscheiden zu können.

Gerade für Führungskräfte kann Intuition eine wichtige Ressource sein, um Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Daniel F. Pinnow stellt in seinem Buch „Unternehmensorganisation der Zukunft“ fest: „Richtungen, Ziele und Veränderungen“ lassen sich nicht durch Planung oder Anweisung erreichen. „Deshalb bedeutet systemisch führen vor allem auch: lernen, statt zu lenken. Nicht Standardlösungen nach Schema F sind gefragt.“ Wichtig sei es, „Erfahrung mit Intuition und einem Stück Risikobereitschaft“, zu verbinden, um individuelle Lösungen zu finden.

Die Intuition hält also Einzug in moderne Managementlehren - als Quelle für ganzheitliche Entscheidungen. Ob das die Indianer in Südamerika geahnt haben? Sie prophezeiten, in unserer Epoche würden Adler und Condor wieder gemeinsam im Gebirge aufsteigen. Folge für die Menschen: Die Intuition tritt wieder gleichberechtigt neben die Rationalität, die unsere Gesellschaft bisher dominiert - durch ihren wissenschaftlich-technischen Apparat. Ein Heilungsprozess, der für Erde und Menschen entscheidend sein kann.

Ingo Leipner studierte Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg und bedient mit seiner Agentur EcoWords namhafte Medien und
Unternehmen mit journalistischen Beiträgen. Als Autor unterstreicht er seinen
persönlichen Bezug zu Bildung und der digitalen Veränderungen unserer Gesellschaft.