Digitalisierung durch organisches Wachstum erfolgreich meistern | SEI - Swiss Engineering Institute
July 13, 2018
Von SEI Redaktion

Innovation

Digitalisierung durch organisches Wachstum erfolgreich meistern

Mitarbeiter müssen lernen, Innovation zu beherrschen, um den Sprung in eine Welt 4.0 zu schaffen. Das betrifft alle, und zwar sowohl Digital Natives als auch Digital Immigrants.

Zunächst aber eine historische Rückblende: Am 07. Dezember 1835 fährt die erste Dampflok in Deutschland, der „Adler“. Auf der Strecke Fürth-Nürnberg erreicht er mit Waggons eine höchste Geschwindigkeit von rund 30 km/h. Es geht viel Zeit ins Land, und am 2. Juni 1991 rauscht der erste ICE mit bis zu 300 km/h von Hamburg nach München. So viel Zeit braucht Innovation im Stahlzeitalter- fast 156 Jahre!

Googles Siegeszug um den Globus

Und im Zeitalter der Digitalisierung? Da jagt in der Arbeitswelt eine Innovation die andere! Kostprobe: der rasante Aufstieg von Google! 1998 bauen Larry Page und Sergey Brinn eine Suchmaschine, die viel bessere Ergebnisse liefert als die Konkurrenz. Im Jahr 2000 schreiben die Gründer einen letzten Verlust; 2015 erwirtschaftet ihr Unternehmen 16,4 Milliarden Dollar Gewinn bei einem Umsatz von 75 Milliarden Dollar. Heute laufen etwa 95 Prozent aller deutschen Suchanfragen über Google. Ein gewaltiger Erfolg in gerade 17 Jahren!

Extrem beschleunigte Prozesse

Was bedeuten diese extrem beschleunigten Prozesse für die Digitalisierung der Unternehmen? Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy schildert zwei weitere Phänomene, die eine rasante Digitalisierung der Arbeitswelt prägen:1

Das „Moorsche Gesetz“ beschreibt, wie seit rund 40 Jahren die Leistungsfähigkeit von IKT-Systemen exponentiell explodiert:

„Die Rechenleistung (steigt) bei gleichem Preis in anderthalb Jahren um etwa 100 Prozent, das heißt, sie verdoppelt sich. In zehn Jahren liegt der Faktor der Leistungssteigerung damit bei rund 100, das heißt, die Leistung verhundertfacht sich bei gleichem Preis; in 20 Jahren bei 10.000.“

PKWs der Oberklasse haben heute Bordcomputer, auf denen eine Software läuft, die bis zu 100 Millionen Zeilen an Codes aufweisen. Das entspricht nach Broy dem Aufwand an Programmierung, „der vor nicht allzu langer Zeit Hochtechnologie-Systemen, wie beispielsweise dem Space Shuttle, vorbehalten war“. Das alles seien Steigerungsraten, „die in keiner anderen Technologie bisher auch nur im Ansatz erreicht wurden.“

Digitalisierung sprengt Vorstellungskraft

Damit nimmt die Digitalisierung der Gesellschaft eine Dimension an, die sich schnell menschlicher Vorstellungskraft entzieht. Das gilt besonders für die Digitalisierung der Unternehmen auf dem Weg in eine Welt 4.0. Um deren Ufer sicher zu erreichen, sind vor allem neue Formen der Zusammenarbeit notwendig, da die Digitalisierung der Arbeitswelt sonst ausschliesslich zu Rationalisierungswellen auf Kosten der Mitarbeiterführt. Nicht umsonst hat der Begriff Change Management für viele Menschen einen negativen Beigeschmack, egal ob Digital Natives oder Digital Immigrants.

Broy stellt für die Welt 4.0 fest: „Innovation braucht neuartige Organisationen und Führungsstrukturen.“ Das gilt im Besonderen, wenn Software-Systeme zu entwickeln sind. Der IT-Experte weiter: „Hierarchische und Silo-Strukturen müssen aufgelöst werden, es muss stärker zu kooperativen Führungsstrukturen übergegangen werden.“ Nur so würden „Freiräume für Innovation“ entstehen. Das lässt sich nicht top-down verordnen, sondern nur durch organisches Wachstum erreichen. Zum „Commitment“ der Führung muss ein Bottom-up-Prozess treten, der alle Mitarbeiter in ihrer speziellen Expertise mitnimmt. Change Management kann gelingen, wenn es auf organischem Wachstum digitaler Kompetenzen aufbaut und eine partizipative Unternehmenskultur im Auge hat.

Freiräume für Innovation

Wer solche „Freiräume der Innovation“ schaffen will, braucht motivierte Mitarbeiter, die ein hohes Massan Kreativität und Eigenständigkeit entwickeln. „Dienst nach Vorschrift“ oder „innere Kündigungen“ sind Gift für jedes Change Management und damit auch für die Digitalisierung der Unternehmen.

„Unternehmen sind unter den letzten Bereichen unserer Gesellschaft, wo Demokratie und Souveränität noch vor der Hauptverwaltung oder dem Werkstor halt machen“, sagt Thomas Sattelberger. „Ich muss aber schon heute nicht jeden akzeptieren, den mir der Herrgott geschickt hat.“ 

Sattelberger war 2007 bis 2012 Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Telekom. Er hat die Digitalisierung der Arbeitswelt mit gestaltet. Führungsprozesse kluger Unternehmen seien heute „zunehmend sehr viel flacher, horizontaler und temporärer“, meint der HR-Spezialist. Das sei eine Chance für Demokratie, weil sich Führungskräfte viel stärker in der „täglichen Akzeptanz ihrer Mitarbeiter“ bewähren müssen. Sattelberger über die Welt 4.0: „Netzwerker akzeptieren Menschen in einer temporären Führungsrolle, solange sie in Netzwerken einen echten Beitrag liefern.“ Das gilt für Digital Natives und für Digital Immigrants, wobei gerade die Digital Natives verstärkt einen tieferen Sinn in ihrer Arbeit suchen und rein formale Autorität oft in Frage stellen.

Organisches Wachstum digitaler Kompetenzen

Es muss die Aufgabe des Change Managements sein, dem organischen Wachstum digitaler Kompetenzen einen hohen Stellenwert zu geben, und dies parallel zur Entwicklung immer komplexerer Soft- und Hardware, wie sie bei der zunehmenden Digitalisierung der Unternehmen stattfindet.  Broy nennt es eine „kolossale Fehleinschätzung“, das Thema alleine an einen Chief Information Officer (CIO) zu delegieren, der nicht einmal dem Vorstand angehören muss. 

Software sei ein „Querschnittsthema, das alle Abteilungen, alle Aufgaben und alle Verantwortungsbereiche durchdringt - und über die Zukunft des Unternehmens entscheidet.“ Daher sei eine „Software-Strategie“ dringend nötig, damit alle Menschen die Digitalisierung der Gesellschaft aktiv gestalten.

1Broy, Manfred (2015): „Software Eats the World - Zehn Thesen zur strategischen Bedeutung von Software für Wirtschaftsunternehmen“, Swiss Engineering Institute Press, München

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